Bündner Kunstmuseum
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Auf ihrem Selbstbildnis um 1780 stellt sich Angelika Kauffmann (1741–1807), eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 18. Jahrhunderts, selbstbewusst im Alter von etwa vierzig Jahren dar. Eben hat sie eine Zeichenmappe zugeklappt und den Blick zum Betrachter gewendet. In der rechten Bildseite ist eine Büste der Minerva zu sehen; sie ist die Schirmherrin der Handwerker und Künstler. Angelika Kauffmann weist mit diesem Motiv einerseits darauf hin, dass sie sich als Künstlerin versteht und im Schutze der Gottheit weiss; andererseits bekennt sie sich damit auch zur klassizistischen Kunst. Der kostbar glänzende und pelzbesetzte Mantel zeichnet sie zudem als eine vermögende und schöne Dame der Gesellschaft aus.
Lange Zeit sind die Alpen entweder pathetisch überhöht oder idyllisch verklärt, später auch äusserst naturalistisch wiedergegeben worden. Ferdinand Hodlers (1853–1918) Darstellung «Genfersee mit Savoyerbergen» bricht mit dieser Tradition. Das Gemälde wird von einer strengen Frontalität ohne gestaffelte Tiefenwirkung bestimmt und zeichnet sich durch eine flächige und unsentimentale Darstellung aus. Details und Hinweise auf die Zivilisation fehlen ganz. Die Farbpalette ist zurückhaltend kühl, und das Bild besteht letztlich aus vier blau–grünen, waagrechten Farbbändern. Der strenge und abstrakte Charakter dieser Landschaftsdarstellung verweist auf die Natur als etwas Monumentales und Ewiges.
Augusto Giacometti (1877–1947) malte ab 1910 mehrere grossformatige Ölbilder, die aus kleinen, pastosen Farbtupfern bestehen, die wie frei auf der Maloberfläche fliessen. Das Werk «Fantasie über eine Kartoffelblüte» entbehrt jeder Kontur und verzichtet auch auf Räumlichkeit im traditionellen Sinne. Es setzt sich ausschliesslich aus grösseren und kleineren Ansammlungen weisser, gelber, lila, violetter und grüner Flecken zusammen. Der Künstler verlässt sich ganz auf die Intensität und Materialität der Farben, um in uns die Idee eines sanft im Wind wogenden, blühenden Kartoffelfeldes hervorzurufen. Augusto Giacometti gehörte zu den ersten Künstlern des 20. Jahrhunderts, welche der Malerei nahezu völlige Autonomie einräumten und den Schritt in die Ungegenständlichkeit wagten.
Giovanni Segantini (1858–1899) gilt als Erneuerer der Alpenmalerei. Er überwand die pathetische Überhöhung und die idealistische Verklärung der Natur in der Kunst. Der italienischstämmige Segantini zog 1886 nach Graubünden, zuerst nach Savognin, dann nach Maloja. Das Erlebnis der Bergwelt mit ihrem intensiven Licht regte ihn zu einer neuen Auffassung der Malerei an. Er setzte die reinen Farben in dünnen, pastosen Pinselfäden derart eng und parallel nebeneinander, dass sich die einzelnen Farben erst im Auge des Betrachters zur Mischfarbe zusammenfügen (Divisionismus). Zudem gilt er als einer der führenden Symbolisten des Fin-de-siècle.
Zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn noch stark unter dem Einfluss von Giovanni Segantini schuf Giovanni Giacometti (1868–1933) mehrere Werke mit symbolischem Gehalt. Das Bild «Mutter und Kind unter Blütenbaum» zeigt den Garten des Geburtshauses des Malers in Stampa. Giovanni Giacometti gab dem Bild den Titel «Fioritura», Blütezeit. Er spielt damit auf den blühenden Baum, auf den Frühling, auf die Fruchtbarkeit der Natur, aber auch auf das Mutterglück der jungen Frau mit ihrem kleinen Kind an. Dieses Motiv ist wie alle Themen im Werk von Giacometti eng mit dessen eigener Lebenserfahrung verknüpft. So ist aus dieser Zeit sein sehnlicher Wunsch nach einer eigenen Familie verbrieft – welcher kurz darauf durch die Heirat mit Annetta Stampa und die Geburt von Alberto in Erfüllung gehen sollte.
Die Bildnisse Alberto Giacomettis (1901–1966) zeichnen sich durch die unmittelbare Begegnung mit dem Menschen und das intensive Erfassen der Persönlichkeit der Dargestellten aus. Nach langen zeichnerischen Vorstudien und Modellierversuchen findet Alberto Giacometti in den 1950er Jahren einen plastischen Stil, der die Figuren in der Seitenansicht abflacht und in der Höhe überlängt. Der Blick des Betrachters wird so und aufgrund der ungeglätteten Oberfläche immer wieder zur intensiv ausgearbeiteten Augenpartie der Skulptur geführt, wo sich ihr innerstes Wesen zeigt. Als Modell dienten ihm unter anderem oft sein Bruder Diego, seine Pariser Freunde und seine Frau Annette.
Der Deutsche Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) hat seine Wahlheimat Davos, vom Eindruck der Berge überwältigt, in zahlreichen Arbeiten festgehalten. Obwohl sich Davos zu dieser Zeit längst vom magischen Heil- und Höhenkurort zum populären Winter- und Sportort entwickelt hatte, fasste Kirchner im Gemälde «Blick auf Davos» die stetig wachsende Stadt in ein zusammenhängendes Dorf und bettete es in eine Talsohle zwischen aufragende Bergflanken, Wälder und Zäune ein. Das Tal ist in Wirklichkeit weit offener; die Geschlossenheit und auch die starken Farben benutzte Kirchner zur Überhöhung und Ausdruckssteigerung.
Albert Müller (1897–1926), ein Vertreter der Gruppe «Rot-Blau», stellt seine Frau Anna Hübscher als eine Gefangene dar: Durch die betont diagonale Bildstruktur entsteht ein starres Gerüst, das ihren Körper einengt. Die heftigen Farben - vorwiegend Blau, Rot und das dazu komplementäre Grün - tragen mit den spitzen Winkelformen zur unbehaglichen Umgebung bei und sind Spiegel ihrer inneren, depressiven Befindlichkeit. Auch das Fenster rechts gibt keinen Ausblick auf eine bessere Zukunft frei. In sich gekehrt, mit ausdrucksloser Miene und in den Schoss gelegten Händen, scheint Anna sich ihrem Schicksal zu ergeben. Ohne jede Sentimentalität hält Albert Müller seine Frau fest, die an Erschöpfungszuständen litt – sie stirbt 1927, kurz nach Müller selbst, an Typhus.
Malte Matias Spescha (1925–2008) zu Beginn der 1950er Jahre noch vorwiegend stehende, weibliche Figuren, ist das Figürliche in «Peinture 2» nur noch andeutungsweise erkennbar. Das Werk, das aus übereinandergestellten halbgeometrischen Farbfeldern besteht, besticht durch seine Ausgewogenheit und ein archaisch wirkendes Formenvokabular. Durch ständiges Übermalen und Abwaschen verlieh Matias Spescha der Farbe auf der Jute eine satte und tiefe Wirkung. Trotz der dunkeltonigen Farbgebung ist das Bild durchdrungen von einem milden, ja goldenen Glanz.
Als wichtigster Vertreter der Phantastischen Figuration nahm HR Giger (*1940) bis Mitte der 1970er Jahre eine der nonkonformistischsten Positionen in der Schweizer Kunst ein. Er thematisiert Geburtstraumata und klaustrophobische Ängste, Erotisches, aber auch Folter und Tod mit sachlicher, naturalistischer Präzision in monochromer Farbigkeit. Mit Alltagsdingen wie einer ordinären Badewanne beschwört Giger das Grauen herauf. Andererseits erkannte er in der Tätigkeit der Müllabfuhrleute einen «mechanisch–erotischen Akt». Durch die Isolierung des Sujets und die Fokussierung auf den unheimlichen Schlund schafft er alptraumhafte Visionen.
Die starke Prägung Not Vitals (*1948) durch seinen abgelegenen Herkunftsort, das Unterengadin, zeigt sich in seiner Kunst vor allem in den Tiermotiven, beispielsweise in der in Bronze gegossenen und von grüner Patina überzogenen Kuhzunge – «Tongue». Die Zunge wird wie eine Jagdtrophäe oder ein Totem, wie ein kostbares und magisches Stück präsentiert. Sie spielt auf den menschlichen Umgang mit Tieren an und auf den Kreislauf von Zeugung, Leben und Tod. Das Befremden, das sie auslöst, hängt mit unserer gezähmten oder durch das Grossstadtleben und die virtuellen Welten verdrängten animalischen Existenz zusammen.
Pascale Wiedemann (*1966) bedient sich ihrer Lieblingskleider, die sie in Kunstharz eingiesst, um sich selbst mit Ironie und Feingefühl zu reflektieren. Ist das traditionelle Selbstportrait eine bildliche Wiedergabe der Künstlerin, nimmt Pascale Wiedemann ihre Kleider, um sich zu charakterisieren, denn Kleider sind wie eine zweite Haut und eng mit dem Wirken und Wesen der Person verbunden. Sie werden als Ausdruck der Identität angesehen und spiegeln persönliche Befindlichkeit und Kreativität. Das grüne Kleid hat eine Geschichte, die zugleich die Geschichte der Trägerin ist und die in der Arbeit «Selbstportrait» sorgfältig dokumentiert und versiegelt wird.
Der aus Davos stammende Jules Spinatsch (*1964) reflektiert in seinen fotografischen Arbeiten die Nutzbarmachung von Landschaft durch den Menschen. Im Rahmen der Beschäftigung mit der Bewirtschaftung und Vermarktung von Natur entstand etwa die Serie Snow Management. Die in «Olymp Unit R2D2» abgebildeten Gerätschaften rund um die Innsbrucker Olympiaschanze zeigen nicht nur die Zurichtung der Bergwelt durch Menschenhand, in diesem Falle mittels hoch technischer Apparate, sie lassen sich auch auf die menschlichen Sinne des Sehens, Hörens und Fühlens beziehen.
In Zilla Leuteneggers (*1968) Reihe Delete sieht man kleine Frauen, die ihrer täglichen Arbeit nachgehen: putzen, staubsaugen, bügeln und, im Fall von «Delete 5» im Bündner Kunstmuseum, Teppich klopfen. Die emsige kleine Frauenfigur sieht aus wie eine animierte Zeichnung, beruht aber auf einer Videosequenz, die entsprechend bearbeitet wurde. Es scheint, als ob durch das unablässige Klopfen der projizierten Figur die rosa Farbe von der Ausstellungswand geklopft würde. Der gesäuberte, weisse Kreis stellt somit die Schnittstelle einer reizvollen Verknüpfung von realem Raum und immateriellem Bild dar.
In dieser Arbeit geht es um die künstlerische Übersetzung der arbeitsintensiven Tätigkeit des Heuens. Auf sieben Monitoren laufen sieben unterschiedliche Ausschnitte von der Alp Partnun im Prättigau, die während mehreren Tagen aus der gleichen Perspektive auf Video aufgenommen wurden. Gerber und Bardill (*1970/1968) legten die einzelnen Spuren übereinander und schufen dadurch nicht nur eine fast malerische Qualität im Videobild, sondern auch eine spannungsvolle Simultaneität, eine räumliche und zeitliche Verdichtung, die als Kommentar zur Getriebenheit unserer Gesellschaft verstanden werden kann.