Bündner Kunstmuseum
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Öffnungszeiten
Montag geschlossen
Di–So 10–17 Uhr
Winterlandschaft, 1910
Öl auf Leinwand, 38 x 46 cm
Depositum aus Privatbesitz
Das kleine, aber malerisch ungemein reizvolle Gemälde ist sorgsam in horizontalen Schichten komponiert. Im Vordergrund der tief verschneiten Landschaft türmen sich die Schneemassen, hinter denen die bildparallel situierte Behausung fast zu versinken droht. Dargestellt ist die Alp Pila oberhalb von Maloja, hinter der die hügelige Mittelgrundpartie ansteigt, die von Bäumen gesäumt ist. Schliesslich öffnet sich der Blick auf den Horizont mit dem markanten Piz Rosatsch. Ein dramatisch bewegter Himmel beschliesst die Szenerie. Das Augenmerk richtet sich primär auf die ockerfarbene Hausfassade, den Kamin und die beiden hintereinander gestaffelten, fast identischen Berggipfel, die der waagrechten Gelagertheit einen vertikalen Akzent entgegensetzen.
Um 1906/07 beschäftigen sich Giovanni Giacometti und sein Malerfreund Cuno Amiet ausgiebig mit der Malerei von Vincent van Gogh. Der Einfluss manifestiert sich neben der fauvistischen Farbigkeit im groben, energischen Pinselduktus kurzer, heftig hingesetzter Farbflecken. Im Unterschied zur impulsiven, ekstatischen Malweise van Goghs folgen beim Bergeller die Pinselzüge aber einem durchdachten Ordnungsgefüge von bildbauender Wirkung.
Bildkonstituierend sind indes das eindringliche, flirrende Spiel des Lichtes, die suggestive Evokation von winterlicher Kälte und wärmender Sonne sowie die Erscheinung farbiger Schatten und leuchtender Reflexe. Giacometti arbeitet hier mit dem traditionellen Beleuchtungslicht: Die ausserhalb des Bildausschnitts scheinende Sonne wirft ihr intensives Licht von oben rechts auf die Landschaft. Gleichwohl fasst Giacometti wie Claude Monet das Licht als Substanz auf, das emotional berühren soll. Das Licht erscheint farbig, wenn auch gebrochen im Weiss des Schnees, und setzt sich aus den sechs leuchtenden Farben des Regenbogens zusammen: Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett. Die Schneelandschaft wird gleichsam in reine Farben aufgelöst, und die Erscheinungsfarbe der atmosphärischen Reflexe tritt an die Stelle der traditionellen Gegenstandsfarbe. Die Lichtintensität steigert der Künstler zusätzlich im Setzen der heftigen Komplementärkontraste: So ist das Violett im Vordergrund gleichmässig durchsetzt mit intensiven gelben Farbflecken, oder das Rosarot mischt sich mit dem warmen Gelb und dem kalten Blau.
Für das auf den Impressionismus folgende, neue Bildverständnis waren die Verwendung reiner, intensiver Farben sowie die Auffassung des Bildes als autonome Fläche fundamentale Innovationen. Konsequenterweise musste damit auch für das überlieferte Beleuchtungslicht eine neue Lösung gefunden werden. Mit der traditionellen Tonigkeit hat Giacomettis Winterlandschaft nichts mehr gemein. Die zunehmende Autonomie der malerischen Mittel ging nun mit einer eklatant farbigen Erscheinung und schier blendenden Lichthaltigkeit des Bildes parallel.
Beat Stutzer