«Die Telamonen» von Ludovica Carbotta

Für ihren ersten Auftritt in der Schweiz realisiert die italienische Künstlerin Ludovica Carbotta (*1982) eine neue Gruppe von Skulpturen. Die kraftvollen und spannungsgeladenen Skulpturen bilden zusammen die zehnköpfige Familie Die Telamonen. Genauso wie unsere Familien aus unterschiedlichen Charakteren bestehen, hat jede Skulptur der Telamonen-Familie eine eigene Biografie und Persönlichkeit. Ihre Geschichte erzählt vom Verlust einer vergangenen Zeit und von der Suche nach einer gemeinsamen Zukunft. Diese wollen wir Ihnen nicht vorenthalten.

 

EPISODE 1

Die Telamonen haben einen schweren Verlust erlitten. Er hat tiefe Narben hinterlassen. Stine Telamon findet sich damit ab und blickt abgeklärt in die Zukunft. Aber Felice Telamon wird von seiner Trauer nahezu erdrückt. Er weiss um sein zerbrechliches Wesen und meidet die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Fausta Telamon fühlt sich verantwortlich und versucht ihn regelmässig aufzurichten. Trotz ihrer angeborenen Krankheit, die es ihr verunmöglicht, aufrecht gehen zu können, ist sie mit sich im Reinen. Warum träumt sie dennoch jede Nacht davon, fliegen zu können?


EPISODE 2

Die Telamonen erinnern sich nicht mehr an ihre Vergangenheit. Sie haben sie verloren. Stine Telamon betrachtet den Verlust ihrer Geschichte als Befreiung. Sie will sie nicht zurück. Eine innere Leichtigkeit breitet sich seither in ihr aus. Ruhend und doch zerbrechlich. Gelegentlich betastet sie vorsichtig ihre Haut und ist erstaunt, wie hart und vernarbt sie sich anfühlt. "Was ist mit mir geschehen?", fragt sie sich und realisiert gleichzeitig, warum sie erleichtert ist, dass sie sich nicht erinnert. Ihre aufrechte Haltung vermag dennoch nicht zu überspielen, dass sie in ihrem Körper etwas Unreifes aus früheren Zeiten trägt.
Auf der Haut von ihrem Bruder Felice Telamon haben sich inzwischen rosa Flecken gebildet. Im Gegensatz zu seinem gealterten Äusseren wirken die Anomalien jung und weich wie die Haut eines Kindes. Sein Körper scheint sich zu verjüngen. Die nagende Leere im Inneren von Felice ist geblieben. Er bezweifelt, dass eine sinnvolle Zukunft ohne das Wissen um die Geschichte geformt werden kann. Er ist überzeugt, dass Die Telamonen ihre Vergangenheit wiederfinden müssen. Stine zögert, aber lenkt schliesslich ein.

 

EPISODE 3

Fausto Telamon ist eine tatkräftige und selbstbewusste Erscheinung. Entschlossen zieht er einen lebensgrossen Spiegel hinter sich her, welcher durch eine Aluminiumstruktur mit seinem Rücken verbunden ist. Egal wie er sich dreht und wendet, er kann sich nicht selbst im Spiegel betrachten. Wenn Faustine Telamon in die Spiegelfläche blickt, sieht sie die Rückseite ihres Vorfahren und denkt: "Die rohe Oberfläche lässt seinen Körper verlebt und zerfurcht aussehen. Aber ich kenne auch seine innere Leichtigkeit." Als sie schliesslich ihr eigenes Spiegelbild betrachtet, zweifelt sie für einen Moment, ob Fausto überhaupt real ist.
„Sind wir einer Einbildung erlegen und existieren gar nicht? Bestehen wir ausschliesslich aus Material?", fragt sich Faustine und beginnt sich genauer zu betrachten. Sie erkennt Holzverstrebungen, die ihre verschiedenen Formen verbinden. Die rudimentären Gliedmassen sind von einer beigen Acrylfarbe überzogen und verleihen ihrem Auftreten etwas Unscheinbares. Lose Teile wie Körper und Bein wirken stabilisierend aufeinander ein. Als Faustine nicht aufhört, alles in Frage zu stellen, platzt Fausto trotz seiner bekannten Geduld der Kragen: "Mir scheint, dass du mir nicht zuhörst und mich nicht ansiehst. Ich frage mich, ob deine Ohren überhaupt hören und deine Augen sehen können. Unbeeindruckt von Faustos Belehrungen will Faustine weiterhin Klarheit und ist überzeugt, dass erst das Wiederfinden der Erinnerung Gewissheit bringen wird.

EPISODE 4

Die Vorfahren Fausto und Stine scheinen nur Augen für Faustolo zu haben. Sie haben jeden Aspekt seines grünen Körpers bestimmt und sind überzeugt, dass er der Perfektion nahe ist. Als Fausta hingegen aus ihrer Gussform geholt wurde, erkannten ihre Eltern, dass sie wegen ihrer weichen, dehnbaren Materialität nicht aufrecht stehen kann. Aber damals waren sie noch voller Hoffnung und glaubten, dass sie dem Problem entwachsen würde. Mit etwas Anstrengung hätten sie ihr sogar helfen können. Leider kam es nie dazu. Fausto ist so selbstsüchtig, dass er nie seinen Kopf dreht, um Fausta anzusehen. Stine träumt ständig von ihrer Zukunft und projiziert in Faustolo das Ideal ihrer Liebe.
Faustolo ist tatsächlich makellos. Er stellt die beste Wahl unter vielen dar. Seine Haut ist glatt und regelmässig und er hat die gleichen körperlichen Eigenschaften wie Fausto und Stine. Er wirkt gänzlich ausgewogen, hat aber auch ihre Eigenheit geerbt, selbstverliebt zu sein. Während Fausta heranwächst, wird sie nicht nur innerlich stark, sondern sorgt sich auch nicht mehr um die Krümmung ihres Körpers. Weil sie weiss, dass die anderen Telamonen, welche aufrecht gehen können, nie mit ihrer Flexibilität konkurrieren können, erachtet Fausta sie als Stärke.